Hilfe, wir haben einen Babyboom

Gibt es einen Babyboom hier im Landkreis Emmendingen zwischen Sasbach und der Kreisstadt Emmendingen oder täusche ich mich? Seit Jahresbeginn häufen sich die Anfragen von schwangeren Frauen, die sich per Telefon, E-Mail, Messenger oder WhatsApp bei mir melden. Sie alle haben im Laufe des Jahres Geburtstermin. Die meisten erwarten ihr erstes Kind und wünschen sich eine optimale und am liebsten wohnortnahe Betreuung durch eine erfahrene Hebamme. So wie ich es einschätze, werden viele dieser Schwangeren nun die politischen Fehlentwicklungen der letzten Jahre zu spüren bekommen: Sie werden keine Hebamme finden, welche ihnen in dieser doch so schönen und wertvollen Zeit der Schwangerschaft, der Geburt und den ersten Lebensmonaten des Säuglings zur Seite steht.
Große Nachfrage - Viel zu wenig Hebammen
Gar nicht so einfach für mich über dieses Thema zu schreiben und innerlich nicht wütend zu werden. Es gehört zu meinem Berufsethos, Frauen in genau dieser Lebensphase mit meiner ganzen Fachkenntnis zur Seite zu stehen. Doch die große Nachfrage ist für uns hier im Landkreis Emmendingen schier nicht zu bewältigen. Einige derjenigen, die sich bei mir jetzt melden, haben auf ihrer Suche schon ganz viele Absagen bekommen und liegen auch außerhalb meines "Einzugsgebietes". O.k., manche haben sich erst spät auf die Suche gemacht und hören deshalb von mir und vielen Hebammen, dass wir keine Kapazität mehr haben. Doch immer mehr Schwangere machen bei der Suche alles richtig, denn sie melden sich so früh wie möglich - das ist bei mir schon vor der 10. Woche. Da sind die Chancen zwar größer, aber nicht, wenn es weiterhin so viele Anfragen gibt oder auch der errechnete Geburtstermin in den Ferienmonaten August und September liegt. Da möchte auch ich gern wenigstens eine Woche Urlaub mit meiner Familie machen.
Hebammen verändern sich
In jedem Berufsfeld freuen sich die Anbieter, wenn die Nachfrage steigt. Bei uns Hebammen sieht das anders aus. Es gibt immer weniger Hebammen hier im Landkreis Emmendingen und auch deutschlandweit, die diese Anfragen der Schwangeren schultern können. Das ist so gekommen, weil der Beruf von der Gesundheitspolitik an die Wand gefahren worden ist. Auf unserem Rücken wurden Machtkämpfe zwischen den Krankenkassen, den Versicherern und der Politik ausgetragen. Die Auswirkungen davon: Freiberufliche Hebammen müssen für einen Netto-Stundensatz unter dem Mindestlohn eine hochverantwortungsvolle Tätigkeit ausüben. Die Versicherungen dürfen von uns dafür horrende Versicherungsprämien verlangen, die uns wirtschaftlich ausbeuten und die Politik schaut zu ohne für uns und die Betreuung der Schwangeren eine Lanze zu brechen. Wisst ihr wie viele Sätze im neuen Koalitionsvertrag zu den Themen Geburten, Schwangerschaft, Hebammenversorgung etc. stehen ? Es ist ein einziger Satz, bei dem es ausschließlich um die Hebammenausbildung geht (S.100) Es gibt keine politische Absicht auf die bekannte Situation zu reagieren, dass es deutschlandweit immer weniger Hebammen gibt. Wir erleben einen Babyboom, deutschlandweit steigen die Geburts-Zahlen. Gleichzeitig verringert sich die Zahl der aktiven Hebammen. Das ist doch bekannt. Doch einsetzen für uns will sich wohl keiner. Daher wechseln immer mehr meiner Kolleginnen aus der Freiberuflichkeit in feste Anstellungen und machen keine Nachsorgen mehr, geben keine Geburtsvorbereitungs- oder Rückbildungs-Kurse mehr oder sie verändern sich beruflich und arbeiten überhaupt nicht mehr als Hebamme.
Wochenbettsprechstunde
Wer mich kennt, weiß, dass ich trotz dieser sehr negativen Ausgangslage kein Mensch bin, der nun den Kopf in den Sand steckt. Ich weiß auch, dass ich nicht allein die Welt retten kann. Im Berufsalltag erlebe ich Frauen, für die das Thema in der aktuellen Lage natürlich ganz wichtig ist. Aber darüber hinaus in all den anderen Lebensabschnitten finden wir wenig Gehör und daher auch keine Fürsprecher, die sich für uns stark machen, damit der Beruf wieder attraktiver wird, Zukunft hat und damit jede schwangere Frau wirklich eine Hebamme vor und nach der Geburt zur Seite hat, die sich fachlich-kompetent und gleichzeitig liebevoll-versorgend um sie kümmert. Weil ich meinen Beruf liebe, habe ich nicht vor aufzugeben, sondern will lieber mit meinen Möglichkeiten wuchern, um möglichst vielen zu helfen, gleichzeitig aber sicher gehen, dass darunter nicht die Qualität meiner Arbeit leidet. So werde ich als neues Projekt noch in diesem Frühjahr eine Hebammensprechstunde in meiner neuen kleinen aber feinen Praxis in meinem Wohnort Riegel einrichten. Ich werde weiterhin die von mir betreuten Familien nach der Geburt in den ersten zwei Wochen zuhause aufsuchen. In den restlichen Wochen der Hebammenbetreuung (bis 12. Wochen nach der Geburt) werde ich dann die jüngen Mütter mit ihren Babys zu mir in die Hebammensprechstunde einladen. Statt dem unnötigen Zeitverlust durch die vielen Autofahrten zwischen den Nachsorge-Terminen an verschiedenen Orten, kann ich so die eine oder andere Mutter mehr betreuen. Es wird "Öffnungszeiten" geben, für die ich feste Termine vergebe. Auch die Kennenlerngespräche werden dort stattfinden.
Wer unterstützt uns Hebammen ?
Zwei Anliegen habe ich auf meinem weiteren Weg als Hebamme: 1. Falls Du bis hier gelesen hast, dann überlege doch, welche Möglichkeiten Du hast uns Hebammen den Rücken zu stärken. Bestimmt gibt es Ideen, die mir alleine nicht gekommen sind. Aber gemeinsam können wir es eventuell mit ganz neuen Wegen versuchen. 2. Falls Du eine Freundin, Bekannte oder Kollegin hast, die eine Schwangerschaft "plant", dann leite ihr doch diesen Beitrag oder den Link dazu weiter. Dadurch sind dann die Frauen, die sich bei mir oder bei einer anderen Hebamme melden, besser vorbereitet, mit welchen Herausforderungen wir zu kämpfen haben - und sie melden sich dann rechtzeitig, so dass wir alle besser planen können.
Liebe Grüße von eurer hebanna
Anja Langenbacher, Coach & Hebamme vom Kaiserstuhl
0151-22660122